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Full text of "Über Hauptformen Der Orogenese Und Ihre Verknüpfung Hans STILLE ( 1918)"

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ÜBER HAUPTFORMEN DER OROGENESE UND IHRE VERKNÜPFUNG Geowissenschaftliche Klassiker Digital Nr. 001 

Hans STILLE 

Nachrichten von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. 

Mathematisch - physikalische Klasse, 1918 

[BEMERKUNGEN: 

1. Die Formatierung und Seiteneinteilung des Originaltextes wurde weitgehend beibehalten. 

2. Die Schreibung wurde weitgehend der Moderne angepasst. 

3. Kommentare stehen in eckigen Klammern 

4. Der Text hat vor allem historische Bedeutung und ist für den Einstieg in die Wissenschaft der Gebirgsbildung (Orogenese) in 
der unkommentierten Form nicht geeignet! 

5. Link zum Originaltext: http://adz.sub.uni-aoettingen.de/dms/load/imq/?PPN=GDZPPN002505193&IDDOC=63725 

6. Kritik, Anregungen, Kommentare an: thomasdiehl001@gmail.com 

Thomas DIEHL, August 2015 ] 

Über Hauptformen der Orogenese und ihre Verknüpfung 

Von Hans Stille Vorgelegt in der Sitzung vom 1 3. Dezember 1 91 8. 

Inhalt 

I. Die Haupttypen in der Vielheit der orogenetischen Erscheinungen S. 862 

II. Das Verbindende und Gemeinsame in der Vielheit der orogenetischen Erscheinungen S. 364 

1) Verknüpfung durch Zwischenformen. Räumliche Zusammenhänge S. 346 

2) Entstehungszeitliche Übereinstimmungen S. 365 

a. Das orogenetische Zeitgesetz S. 365 

b. Anorogenetische Dislokationen S. 371 

c. Atektonische Dislokationen („Pseudo-Dislokationen") S. 375 

d. Die vergleichende Methode der Altersbestimmung gebirgsbildender Vorgänge S. 376 

e. Die Gleichzeitigkeit der Entstehung der verschiedenen Strukturtypen S. 381 

3) Entstehungsartliche Übereinstimmungen S. 383 

a. Das orogenetische Hochbewegungsgesetz S. 383 

b. Das orogenetische Hochbewegungsgesetz in seiner Sonderbedeutung für die 

Verwerfungsvorgänge S. 385 

III. Folgerungen S. 390 

I. DIE HAUPTTYPEN IN DER VIELHEIT DER OROGENETISCHEN ERSCHEINUNGEN 

Die große Vielheit der Formen zu der die gebirgsbildenden Vorgänge in der Erdkruste 
geführt haben, wird in den Lehr- und Handbüchern der Geologie und Geographie im Allge- 
meinen in die beiden großen Gruppen „Faltengebirge" und „Schollengebirge" zusammenge- 
fasst, und dabei gilt meist das Faltengebirge als Ergebnis eines tangentialen Druckes, das 
Schollengebirge als 



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Ergebnis radialer und insbesondere abwärts gerichteter Kräfte. Beide Gruppen umschließen 
nun so wesentlich verschiedene Formen, dass man m. E. besser tut, nicht zwei, sondern vier 
Flauptgruppen orogenetischer Gebilde zu unterscheiden, und zwar: 

1 )Deckengebirge 

Flaupterscheinungsformen sind die weitausholenden liegenden Falten und Decken- 
überschiebungen, die zu weitgehender horizontaler Verfrachtung von Gesteinsmassen ge- 
führt haben. Beispiele bieten weite Teile der Alpen. 

2) Faltengebirge 

Flaupterscheinungsformen sind die Falten und diesen gegenüber zwar stark zurücktre- 
tend die Überschiebungen. Als typisches Beispiel mag der Schweizer Jura gelten. Die Ver- 
werfung steht an Bedeutung ganz im Flintergrunde - soweit es sich nicht um alte Faltenge- 
birge handelt, die erst später von Verwerfungen zerstückelt worden sind. 

3) Bruchfaltengebirge 

Der Boden ist in Schollen zerrissen, die in sich verbogen und gefaltet sein können, je- 
denfalls aber in ihrer gesamten Anordnung ein gewisses Faltungsbild erkennen lassen. Es 
handelt sich um Falten, die „in statu nascendi" zerbrochen sind 1 ’. Ein Bruchfaltengebirge 
typischer Art ist in Mittel- und Nordwestdeutschland durch die saxonische Faltung geschaffen 
worden. 

4) Blockgebirge 

Der Untergrund ist durch Verwerfungen in einzelne größere Blöcke zerlegt innerhalb 
deren die Schichten zum Teil noch flach, zum Teil monoclinal liegen, aber Anzeichen einer 
Verbiegung nicht oder nur in geringem Maße erkennen lassen. Als typisches Blockgebirge 
pflegen die Wüstengebiete des westlichen Nordamerikas, z. B. das Great Basin zwischen 
der Sierra Nevada und den Rocky Mountains, zu gelten. In Deutschland haben wir Formen, 
die als Blockgebirge bezeichnet werden können, in gewissen Randzonen der variscisch ge- 
falteten Massive, z. B. in der östlichen Randzone des Rheinischen Massivs; und schließlich 
sind auch die nach-variscischen Verschiebungen innerhalb der variscischen Horste im we- 
sentlichen nach Art eines Blockgebirges erfolgt. 

Typus 1 und 2 sind „Faltengebirge", Typus 3 und 4 „Schollengebirge" im ältere Sinne. 



1) Nicht zu verwechseln mit dem Bruchfaltengebirge, in dem Faltung und Bruch gleichzeitig eintreten, sind natürlich solche 
Gebiete von Typus 2, in denen in späterer tektonischer Phase Bruchbildung nach Typus 4 eingetreten ist. 



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II. DAS VERBINDENDE UND GEMEINSAME IN DER VIELHEIT DER OROGENETISCHEN 
ERSCHEINUNGEN 

1) Verknüpfung durch Zwischenformen. Räumliche Zusammen- 
hänge. 

So zweckmäßig eine Einteilung der Formen der Gebirgsbildung, wie die obige, auch 
sein mag um die Übersicht über die Formenfülle zu erleichtern, so ist sie doch insofern ge- 
künstelt, als keinerlei scharfe Scheidung der Strukturkategorien möglich ist. Im Deckengebir- 
ge verlieren z. B. die horizontalen Verfrachtungen an Ausmaß, die Ableitung der Decken- 
überschiebungen aus der Faltung wird deutlicher, und wir erhalten Übergangsformen vom 
Decken- zum Faltengebirge, wie etwa in der Zone der großen Überschiebungen entlang dem 
Südrande des belgischen Kohlenreviers. Oder es häufen sich im Faltengebirge die bei des- 
sen typischer Entwicklung ganz zurücktretenden Verwerfungen und wir haben eine Zwi- 
schenform zwischen Faltengebirge und Bruchfaltengebirge, wie sie uns etwa in den oberkar- 
bonisch-altdyadischen Schichten des Saar-Nahe-Gebietes als Ergebnis der vor dem Ober- 
rotliegenden eingetretenen jüngsten Phase der variscischen Faltung entgegentritt. Oder es 
verschwindet endlich im Bruchfaltengebirge die Verbiegung der Schichten innerhalb der 
Schollen immer mehr, während die Anordnung des ganzen Schollensystems nach einzelnen 
Hebungs- und Senkungslinien weniger deutlich wird und dazu die Verwerfungen vielleicht an 
Zahl geringer und die Schollen entsprechend breiter und massiger werden; und aus dem 
Bruchfaltengebirge wird ein Blockgebirge. Gerade auf diese Tatsache der Verknüpfung 
der Haupttypen der Tektonik durch Zwischenformen weiseich hiernach, 
drücklich hin. 

So verschieden also auch ein System großer, vertikal gegen einander verschobener 
Schollen, wie wir es etwa im Gebiete des Great Basin finden, von einem Deckengebirge von 
alpinem Typus ist, so sind schließlich auch diese tektonischen Formen durch Zwischenfor- 
men verknüpft und nur die gegenpoligen Endglieder in einer langen Reihe tektonischer Er- 
scheinungen, innerhalb deren die eine Form in die andere überleitet. 

Falten und ganz besonders Überfaltungen und Überschiebungen sind Dislokations- 
formen, die den Zusammenschub von Gesteinsmassen auf engeren Raum in besonderem 
Maße zum Ausdruck bringen. 



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Auch nach der einfachen Schrägstellung nimmt die vorher horizontal gelegene Schicht einen 
geringeren Breitenraum ein. Verwerfungen führen zur Zusammendrängung auf engeren 
Raum nur noch bei widersinnigem Einfallen. Nach der abnehmenden Einengungswirkung 
können wir also die Dislokationen etwa in Deckenschübe, liegende Falten, Faltungsüber- 
schiebungen, Falten, Schichtenschrägstellungen, Verwerfungen einordnen und innerhalb 
einer solchen Reihe die „höheren" Dislokationsformen mit der im Allgemeinen stärkeren Ei- 
nengungswirkung den Dislokationsformen mit der im- Allgemeinen geringeren oder endlich 
auch fehlenden Einengungswirkung gegenüberstellen. Und weiter können wir dann in der 
Reihe der tektonischen Gestaltungen je nach dem Vorherrschen höherer oder niedrigerer 
Dislokationsformen „höhere" oder „niedrigere" tektonische Typen unterscheiden. Der 
„höchste" tektonische Typus wäre in diesem Sinne also das Deckengebirge, der „niedrigste" 
das Blockgebirge, dazwischen stände das Faltengebirge i. e. S. und das Bruchfaltengebirge. 
Wir haben eben gesehen, dass sich zwischen die Flaupttypen der Gebirgsbildung, ohne dass 
dabei zunächst an räumliche Verknüpfung gedacht zu werden brauchte, vermittelnde Zwi- 
schenglieder stellen. Doch auch unmittelbare räumliche Verknüpfungen kommen vor, indem 
ein und dasselbe geologische Gebilde in seinem Fortstreichen Änderungen des Strukturty- 
pus er- fährt, indem z. B. ein Faltengebirge durch Steigerung des einseitigen Vorwärtsdrän- 
gens der Falten in ein Deckengebirge übergeht. In den Gebieten der deutschen Bruchfal- 
tung, um ein anderes Beispiel zu geben, beobachten wir, dass die Bruchbildung im Fortstrei- 
chen einer Bruchfalte zurücktreten und eine mehr bruchlose Faltung erscheinen kann und 
dass damit ein und dasselbe Gebilde einen höheren oder, wenn die Sachlage in der umge- 
kehrten Richtung verfolgt wird, niedrigeren tektonischen Typus annimmt. 



2) Entstehungszeitliche Übereinstimmungen, 
a. Das orogenetische Zeitgesetz. 

Faltungen, Überschiebungen, Verwerfungen sind Formen der Veränderung des Lage- 
gefüges in der Erdkruste, d. h. Formen der Orogenese. Orogenesen sind samt und sonders 
episodische Ereignisse, gebunden an ganz bestimmte, kurz umgrenzte Zeiten, zwischen 
denen die langen anorogenetischen Perioden liegen, in denen nur epirogenetische Bewe- 
gung vor sich geht. Diese Erfahrungstatsache muss immer wieder gegenüber der Annahme 
der Kontinuität der Gebirgsbildung betont werden. 



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Wie kommt letztere Auffassung zustande? Sie kommt ganz abgesehen davon, dass 
die orogenetischen Vorgänge, auf die es hier allein ankommt, und die Vorgänge epirogeneti- 
scher Art nicht auseinander gehalten werden, doch hauptsächlich dadurch zustande, dass 
man gleichsinnige Bewegungen in ein und derselben Zone, ja entlang ein und derselben 
Linie, mehrmals sich vollziehen sieht, d. h. also auf Grund der Erscheinung der posthumen 
Gebirgsbildung. 

Aber „posthum" und „kontinuierlich" ist gewiss nicht das gleiche, vielmehr ist die post- 
hume die „wiederholte" Gebirgsbildung, und schon in dem Worte „wiederholt" liegt eine zeit- 
liche Unterbrechung zwischen den einzelnen Vorgängen ausgedrückt. Nehmen wir z. B. das 
Pariser Becken, das klassische Land der angeblichen, „Continui- 
te du phenomene de plissement" 1 ’ 

Den Falten des paläozoischen Untergrundes sind hier die Falten des Juras superpo- 
niert, den Falten des Juras, die der Kreide, denen der Kreide, diejenigen des Tertiärs, und im 
Allgemeinen verschwächt sich die Faltung von dem älteren zu dem jüngeren Systeme. Se- 
hen wir von den paläozoischen Faltungen ab, so haben wir mit wenigstens drei Plauptphasen 
jüngerer Faltung zu rechnen. Die erste ereignete sich nach Ablagerung des Juras und vor 
Ablagerung des Barremiens, die zweite nach Ablagerung des Senons und vor Ablagerung 
des tiefsten Tertiärs (Montien und Landenien). Die dritte ist jünger als das jüngste vorhande- 
ne Tertiär des Pariser Beckens. Vielleicht gibt es außer diesen drei Plauptphasen nach gele- 
gentlichen Angaben in der Literatur, die wohl der Nachprüfung bedürfen, noch einige weitere 
Zeiten orogenetischer Bewegung. Und mögen somit statt der drei Faltungsphasen auch de- 
ren vier oder fünf vorhanden- sein, so ändert das nichts daran, dass die Orogenesen zeitlich 
sehr beschränkte Phänomene sind und dass zwischen den Faltungsphasen, wie das Fehlen 
jeglicher winkliger Diskordanz in den zwischen ihnen entstandenen Schichtserien zeigt, jegli- 
cher Faltungs- und Verwerfungsvorgang unterblieb. Somit kann man doch im Pariser Becken 
unmöglich von einer „kontinuierlichen" sondern nur von einer „episodischen" Faltung spre- 
chen. Tatsächlich hat Marcel Bertrand, wenn er auch den Ausdruck der "Kontinuität" des 
Faltungsphänomens gebraucht hat, die „Kontinuität" nur im Sinne einer mehrfachen Wieder- 
holung der Faltung bewiesen. 



1) Marcel BERTRAND, Sur la. Continuite du Phenomene de plissement dans le Baasin- de Paris. Bull. Soc. geol. de France 3. 
Serie Band XX, " s. 1 1 8ff, (1 892) . 



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Je kritischer man das Material über die Zeitlichkeit orogenetischer Vorgänge sichtet, 
umso klarer tritt hervor, dass sich diese Vorgänge auf der ganzen Erde in eine relativ geringe 
Zahl eng umgrenzter Zeiträume, die dadurch eine gewisse universelle Bedeutung gewinnen, 
einordnen, und dass in anderen und z. T. sehr langen Zeiten nirgends auf der Erde irgend 
welche Faltungen oder Verwerfungen nachgewiesen sind. Nirgends auf der Erde scheint mir 
z. B. eine Dislokation innerhalb der unter-silurischen Serie oder im Obersilur mit Ausnahme 
seines jüngsten Abschnittes oder innerhalb des Unterkarbons oder in der Trias mit ganz ört- 
licher Ausnahme in ihrer Ausgangszeit oder in der Zeitspanne vom Unterjura bis zum oberen 
Oberjura, oder im Hauptteile der Unterkreide oder im Oligozän mit Ausnahme seines jüngs- 
ten Teiles usw. sicher erweisbar zu sein, - nämlich so erweisbar, dass sie nicht auch älteren 
oder jüngeren „notorischen" Dislokationsphase angehört haben könnte. Und wo immer man 
die genannten Schichtfolgen untersucht, so fehlen jene Erscheinungen, die schon 
Elie de Beaumont in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Mittel zur Bestim- 
mung des Eintrittes und Alters von Gebirgsbildungen an die Hand gegeben haben, nämlich 
die Diskordanzen 1 *. 

Umgekehrt sind, wie uns die Diskordanzen in den verschiedensten Gebieten der Erde 
zeigen, z. B. der Ausgang der Silurzeit, der Ausgang der Devonzeit, der Ausgang des Unter- 
karbons, die Zeit unmittelbar vor Ablagerung der oberen Paläodyas, der Ausgang der Jura- 
zeit, der Ausgang der Kreidezeit, der Ausgang des Oligozäns, der Ausgang des Miozäns 
usw. recht „kritische" Termine in tektonischer Hinsicht. 



1) Um Missverständnissen zu begegnen, bemerke ich, dass ich hier den Begriff „Diskordanz", wie in der deut- 
schen geologischen Literatur meist üblich ist, nur für dell Fall des winkligen Abstoßens der Schichtung des Lie- 
genden am Hangenden gebrauche. (Winkeldiskordanz, „angular discordance", „discordace angulaire"), und nicht 
auch, wie in der englischen und amerikanischen und z. T. auch in der französischen Literatur zu geschehen 
pflegt, schon dann, wenn einfache Unterbrechung der Sedimentation, oft verknüpft mit Erosion, vorliegt, dabei 
aber das Liegende und Bangende durchaus parallelgeschichtet sind. In der französischen Literatur hat G. Dollfus 
(Bull. Soc. geol. France, 3. Serie, t. IX, S. 118) die Notwendigkeit der scharfen Trennung der „discordance par 
ravinement" und der „vraie", discordance par soulevement" hervorgehoben und für erstere die Bezeichnung 
„Semi-Diskordanz" gebraucht. 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Math.-phys. Klasse 1918. Heft 3. 



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Natürlich muss man bei einer derartigen Festlegung orogenetische Zeiten, in denen die 
Struktur des Untergrundes durch Faltung, Überschiebung oder Verwerfung sich verändert, 
die epirogenetischen Vorgänge, die größere Erdgebiete ohne Änderung ihrer tektonischen 
Innenstruktur einheitlich und lang andauernd bewegen, abtrennen, - denn tut man dieses 
nicht, so hat man selbstverständlich eine „kontinuierliche" Gebirgsbildung 

In manchen Fällen zerlegt sich eine tektonische Flauptphase zwar in „Unterphasen", 
aber auch dann ist die Gebirgsbildung nicht kontinuierlich, sondern durch anorogenetische 
Zeiten unterbrochen, wenn auch nur durch relativ kurze. 

Mancherlei Umstände haben die Erkenntnis der Einordnung aller gebirgsbildenden 
Vorgänge in eine relativ beschränkte Anzahl kurzer Epochen hintangehalten und tun es viel- 
fach heute noch. Es kommt dabei in allererster Linie die eben schon berührte unzureichende 
Unterscheidung von Epirogenese und Orogenese in Betracht, und das hängt wenigstens 
zum Teil wieder mit der Unklarheit über diese Begriffe, wie sie in der Literatur herrscht, zu 
erinnern, worauf ich an anderer Stelle zurückkomme. Unzweifelhaft epirogenetischer Art sind 
z. B. jene Bewegungen der Gebirge, die in der sog. „Antezedens" der Flusstäler zum Aus- 
drucke kommen, d. h. darin, dass der Fluss älter ist, als das Gebirge, das er durchschnitten 
hat, und zwar in dem Maße, wie es sich aufwölbte, „etwa wie die Säge den bewegten Balken 
durchschneidet". Solche Verhältnisse sind zuerst von Medlicott im Himalaya und unabhängig 
davon von Flayden und Powell in den Rocky Mountains und von E. Tietze im Alburs und in 
den Karpaten angenommen worden. Sowie später von E. Sueß (Antlitz der Erde III, 2, S. 
583) für die Durchschneidung der Ausläufer des Sa-Alai, durch den Amu-Darja bei Kelif und 
des Mogol-tau durch den Syr-Darja. unterhalb Chodjent. Hier handelt es sich, um die von der 
jüngeren Morphologenschule in so vielen Gebirgen untersuchten weitspannigen Verbiegun- 
gen, die die Gebirgsstreifen in ihrer Gesamtheit und ohne Änderung der tektonischen Innen- 
struktur betreffen, die vergleichbar jenen weitspannigen Verbiegungen die zur Aufwölbung 
der Landschwellen führen und gleich jener säkulärer Art sind. Damit handelt es sich gar nicht 
um „Faltungen“ und überhaupt nicht um orogenetische Vorgänge. Also beweist die sog. 
„Antezedens" der Flusstäler auch in den Fällen, in denen sie wirklich zutreffend ist nichts im 
Sinne einer kontinuierlichen „Gebirgsbildung" sondern sie beweist nur die Kontinuität der 
Epirogenesen. Also kann man auch die „hinreichend sicheren Beweise", die A. Tornquist in 
seiner, „Allgemeinen Geologie" (Leipzig 1916,, S. 540) wieder aus der Antezedens der Klun- 
sen des Schweizer Juras für die langsame Gebirgsbildung in diesem Gebirge und in den 
Alpen herleiten möchte, nicht anerkennen. 



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Oft sind sodann die stratigraphischen Unterlagen zur Festlegung der Zeitlichkeit einer Oro- 
genese ganz unzureichend, ohne dass dem genügend Rechnung getragen wird. Immer wie- 
der werden die Intervalle, innerhalb deren der orogenetische Vorgang eingetreten sein muss, 
nicht genau genug gefasst. Eine Faltung, die zwischen einer Stufe der Formation A und ir- 
gendeiner Stufe der Formation c eingetreten ist, wird kurzhin in die Zeit B verlegt, trotzdem 
sie ebenso gut bereits im Ausgange von A oder im Anfänge von C eingetreten sein kann. 
Und ist sich der Autor auch der Basis, auf die er die Faltung „zur Zeit B“ begründete, be- 
wusst, so erscheint die Faltungszeit B beim nächsten Literaturzitat schon als gesicherte Tat- 
sache. 



1) Überhaupt ist nach A. Tornquist (L. c. S 518) „aus der geologischen Erfahrung" nicht ersichtlich, dass die Kom- 
pression in der starren Erdrinde eine gewisse Periodizität aufweist und das es Zeiten besonderer Intensität der 
Kompression gibt, unter deren Einfluss der Zusammenschuh der Geosynklinalgebiete erfolgt". Dagegen spricht 
nach Tornquist vor allen Dingen, dass nicht alle Teile einer Geosynklinale gleich zeitig aufgefaltet worden sind. 
Diese Tatsache ist an sich unbedingt zutreffend, - denken wir doch nur an die Erscheinung des "Wanderns” der 
Faltung. Die Faltung ergreift im verstärkten Maße eben bald diesen bald jenen Teil der großen Geosynklinalen. 
Sie verschiebt sich dabei nicht nur quer zum Streichen sondern auch in der Richtung des Streichens, je nach dem 
wechselnden, - wenn ich sagen soll -, Prädestiniertsein der einzelnen Teile, das mit den wechselnden Verhältnis- 
sen der Mobilität (Gefügigkeit des Bodens gegenüber dem orogenetischen Druck) und Position (Erreichbarkeit für 
den orogenetischen Druck) zusammenhängt. Von „selektiver" Faltung nach Mobilität und Position habe Ich in 
diesem Sinne gesprochen (Geol. Rundschau 1917, Bd. VIII, S. 108). Diese bedingenden Verhältnisse wechseln 
aber innerhalb der Geosynklinalen von einer Gebirgsbildungsphase zur anderen im Gefolge der Strukturverände- 
rung, die die vorangegangene Faltung mit sich gebracht hatte, und ganz besondere auch infolge der zwischen 
den beiden Gebirgsbildungsphasen eingetretenen tektonischen „Evolution" des Bodens. Das Tornquist hierin 
einen Beweis gegen die Periodizität einer verstärkten Wirkung des faltenden Druckes sehen will ist umso überra- 
schender als er auf der folgenden Seite seines Lehrbuches die von mir an Hand der Verhältnisse des Nieder- 
deutschen Becken, geschilderte mehrfache und kurzzeitige Unterbrechung der Evolutionen in der Erdkruste 
durch „diastrophale Bewegungsphasen" als „allgemeingültiges Gesetz" anerkennt. Der Eintritt „diastrophaler 
Bewegungsphasen" ist doch nichts anderes, wie der Eintritt der von Tornquist bezweifelten „besonderen Intensität 
der Kompression", - wie die entstehenden Faltungs- und sonstigen Einengungsbilder zeigen, 



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Uber Hauptformen der Orogenese und ihre Verknüpfung 
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Ferner liegt oft den Behauptungen über das Auftreten orogenetischer Vorgänge eine viel zu 
weitgehende Bewertung von Geröllanhäufungen und von sonstigen faziellen Erscheinungen 
zugrunde. In anderen Fällen wird allein schon aus dem Eintreten von Trans- und Regressio- 
nen, indem sie mit Bewegungen der Lithosphäre in Zusammenhang gebracht werden, oder 
aus dem Wechsel kontinentaler oder mariner Sedimentation auf "gebirgsbildende" Vorgänge 
geschlossen. Für manche Regressionen besteht ohne Zweifel eine Berechtigung in dieser 
Richtung, denn wenn aus dem Meeresraume die Gebirge aufsteigen, so wird das Meer ver- 
drängt aber andere Regressionen sind von orogenetischen Vorgängen unabhängig. Und was 
die Transgressionen anlangt, so scheint die Mehrzahl derselben und besonders der weltweit 
verbreiteten geradezu mit einem Erlahmen selbst der an sich schwachen epirogenetischen 
Erdkräfte in ursächlichem Zusammenhänge zu stehen. Zum Beispiel fällt doch die weltweit 
verbreitete mittel-jurassische Transgression mit einer anorogenetischen Zeit allererster Ord- 
nung zusammen. 

Ein weiterer Fehler wird häufig in dem Sinne gemacht, dass allein schon aus der Einschal- 
tung von Eruptivgesteinen in sedimentäre Schichtfolgen auf „tektonische" Vorgänge ge- 
schlossen wird. Dabei fallen doch z. B. in Deutschland die tertiären und dyadischen Ergüsse 
in der Flauptsache in solche Zeitspannen, in denen keinerlei Gebirgsbildung weder hier noch 
sonst wo erfolgt ist. Gewiss gibt es augenscheinliche Fälle einer gewissen Gleichwertigkeit 
von Orogenese und Vulkanismus, aber die Verallgemeinerung, das der Austritt von Eruptiv- 
massen " insbesondere schon die Einschaltung von Eruptivdecken in den Sedimentserien 
Zeiten der Gebirgsbildung andeute, ist jedenfalls unzulässig. 

Außerhalb der kurzfristigen orogenetischen Phasen sind nun aber nicht nur keine neuen Dis- 
lokationen entstanden, sondern es ist auch aus den Schicht- und Lagerungsverhältnissen 
kein Beweis zu entnehmen, dass die bestehenden Dislokationen neue Verschiebungen ein- 
getreten seien, trotzdem eine gewisse Möglichkeit des letzteren Falles unter Hinweis auf die 
jungen Erdbebendislokationen zugegeben werden muss (vgl. unten). Dieses Geknüpft- sein 
auch der posthumen Verschiebungen an die orogenetischen Termine ist ganz besonders 
gegenüber der in der Literatur so weit verbreiteten Auffassung hervorzuheben, dass die Ein- 
senkung der Meeresbecken und sonstiger Sedimentationsräume an fortwährend wiederauf- 
reißenden, also in andauernder Wirksamkeit bleibenden. 



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Verwerfungen erfolgt sei, während, wie ich hier wohl nicht wieder ausführen brauche, die 
Beobachtungen in den uns zugänglichen Randzonen der Meere der Vorzeit nur im Sinne 
einer bruchlosen Absenkung sprechen und die in den alten Randzonen heute etwa vorhan- 
denen Verwerfungen als Ergebnis einer älteren oder jüngeren oder auch einer den Absen- 
kungsvorgang unterbrechenden Orogenese erscheinen lassen. So schleppt sich durch die 
Literatur ja auch die Behauptung vor dem oligozänen Einbrüche des Oberrheintalgrabens. 
Trotzdem bisher nicht der Beweis dafür erbracht ist, dass im Oberrheingebiete in der Zeit, in 
der die mächtige oligozäne Sedimentation als Folge des Einsinkens vor sich ging, bei die- 
sem Einsinken ein Bruch irgendwo aufgerissen oder wiederaufgerissen sei, und trotzdem die 
Brüche das Oligozän des Grabens entweder überhaupt nicht oder doch gleichmäßig in sei- 
ner Gesamtheit verwerfen, d. h. also entweder älter oder jünger als das Oligozän sind. 

Die Grunderfahrung über die Zeitlichkeit von Gebirgsbildungen fasse ich als das oro- 
genetische Zeitgesetz nochmals in folgender Form zusammen: 

Alle Gebirgsbildung, auch die des Buchfalten- und 
B I o c k g e b i r g e s , ist an verhältnismäßig wenige und 
zeitlich eng begrenzte Phasen von +/- erdweiter 
Bedeutung gebunden. 

Es handelt sich hier: wie gesagt, um einen reinen Erfahrungssatz, Aber der Umfang der Er- 
fahrungen - besonders auch hinsichtlich der immer wiederkehrenden Konkordanz in den Se- 
dimenten langer Perioden - ist schon derartig, dass die Zusammenfassung zu einem allge- 
meineren Gesetze berechtigt erscheint. 



b. Anorogenetische Dislokationen. 

In den langen anorogenetischen Zeiten, die zwischen den oro-genetischen Phasen liegen, 
schlummern die tektonischen Kräfte nicht, nur äußern sie sich in schwachen, trotzdem aber 
durch die Langzeitigkeit ihres Wirkens oft zu gewaltigen Verschiebungen führenden (epiro- 
genetischen) Bewegungen. Und wenn wir die Bruchlosigkeit dieser Vorgänge aus den uns 
überlieferten Schichtverbänden immer wieder herauslesen, so müssen wir trotzdem die Mög- 
lichkeit unbedeutender Ausnahmen offen lassen, - und das umso mehr, als uns wenigstens 
aus der anorogenetischen Jetztzeit derartige Ausnahmen bekannt sind. 

Die Epirogenese ist nicht eine rein vertikale Bewegung größerer räumlicher Einheiten, 



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sondern eine Vertikalbewegung unter ganz schwacher, aber anhaltender Verbiegung oder, 
wohl richtiger gesagt, eine Vertikalbewegung infolge einer derartigen „Faltung größter Ampli- 
tude". Als „Undulation" habe ich sie in diesem Sinne den „Undulationen" der orogenetischen 
Zeiten gegenübergestellt. Diese langsame Verbiegung vollzieht sich selbst in relativ starren 
Materialien m. E. deswegen bruchlos, weil die Zeit gewissermaßen als mobilisierender Fak- 
tor wirkt und die Sprödigkeit, die bei plötzlichem und stärkerem Drucke zur Bruchbildung füh- 
ren würde, aufhebt. Nun stellen wir uns ein nach älterer Orogenese in sich noch nicht wieder 
festgefügtes und noch nicht wieder verheiltes System großer Erdblöcke vor und denken uns 
dieses in ganz langsamer Verbiegung begriffen. Mag nun auch die Ursache der Verbiegung 
in seitlichem Drucke liegen und mag der schwache epirogenetische Druck allmählich auch 
zu einem festeren Gefüge der Massen führen, so wird es trotzdem innerhalb des Schollen- 
haufwerkes zu Rutschungen und Gleitungen, also zu Dislokationen, kommen können. Das 
ist es, was uns m. E. die Überlegung über den Vorgang der Undulation in noch nicht festge- 
fügtem Boden sagen muss; und das ist es m. E. auch, was wir in seinen Wirkungen in den 
Erdbebendislokationen der anorogenetischen Jetztzeit, - oder doch in einem Teile derselben, 
beobachten. 

Erdbebendislokationen, d. h. messbaren Verschiebungen an Erdbebenspalten, sind an 
sich seltene Erscheinungen. Das hob neuerdings W. Branca 2) gegenüber der übertriebenen 
Geneigtheit, Erdbeben als „tektonische" zu klassifizieren, wieder hervor. Ferner sind die 
Sprunghöhen verschwindend gering, gemessen an dem Maßstabe sonstiger Erfahrungen 
über Verwerfungsbeträge. So zeigten die Erdbebendislokationen auf Lokris im Jahre 1894 
1 1/2-2 m Sprunghöhe, diejenigen des mitteljapanischen Erdbebens im Jahre 1894 2,5-6 m, 
während bei dem Erdbeben von St. Francisco 100 im Jahre 1906 neben stärkeren Florizon- 
talbewegungen von stellenweise 7 m Verschiebungsbetrag vertikale Verwerfungen von etwa 
Im Sprunghöhe eingetreten sind. 

Keineswegs sind aber alle Erdbebenspalten tektonischen Ursprungs. 



1) H. Stille, Tektonische Evolutionen und Revolutionen in der Erdrinde. Leipzig 1918. 

2) W. Branca, Über die Bedeutung der magmatischen Beben gegenüber den tektonischen. Sitzungsber. Königlich Preußische 
Akademie der Wissenschaften. Mathematisch -physikalische. Klasse. 1917. Bd. XXVIII, S. 380 ff. 



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Bekanntlich pflegt man die Erdbeben ihrer Ursache nach in tektonische, vulkanische 
(magmatische) und Einsturzbeben (Auflösungsbeben Branca's) einzuteilen, und selbstver- 
ständlich sind etwaige Erdbebenspalten, die bei Erdbeben der letzten beiden Kategorien 
entstanden sind, keine tektonischen Erscheinungen, sondern gehören zu den weiterhin zu 
besprechenden „unechten" (atektonischen) Dislokationen, (Pseudo-Dislokationen"). Nun ist 
aber die Trennung tektonischer und vulkanischer Erdbeben in "vielen Fällen recht schwierig 
und umstritten, und sicher sind sehr viele Erdbeben vulkanischer oder doch magmatischer 
Natur, trotzdem sie, was im Allgemeinen als Beweis für tektonischen Ursprung gilt, in tekto- 
nischen Zonen liegen und trotzdem magmatische oder gar vulkanische Vorgänge nicht in 
ihrer Nachbarschaft erkennbar sind. Ich verweise in diesem Sinne auf die jüngst veröffent- 
lichten Ausführungen Branca's (I. c.) über die Bedeutung der magmatischen Beben gegen- 
über den tektonischen. 

Mag man nun aber auch in der Zuteilung der Erdbeben zu den atektonischen Katego- 
rien recht weit gehen und mag man bei den tektonischen Erdbeben auch die rein oberflächli- 
chen Wirkungen der Erderschütterung an Hängen oder in lockeren Erdmassen, auch wenn 
sie in Form von Verwerfungen in Erscheinung treten, fortlassen, so bleibt doch immerhin 
eine Reihe von jungen Erdbebendislokationen übrig, deren tektonische Natur sich kaum be- 
streiten lässt, - d. h. von Verwerfungen, die in einer anorogenetischen Zeit, nämlich der 
Jetztzeit und jüngsten Vergangenheit, entstanden sind. Sind wir berechtigt, sie als Begleiter- 
scheinungen einer Undulation in noch nicht festgefügten Bodengebieten zu erklären, so sind 
sie damit zwar tektonisch, aber nicht orogenetisch. Als „pseudo-orogenetisch" mag man sie, 
da sie zwar äußerlich mit orogenetischen Erscheinungen übereinstimmen, bezeichnen. Sie 
sind nicht Äußerungen der episodisch wirkenden starken Kräfte, die zu den Erscheinungen 
der Orogenese führen, sondern Begleiterscheinungen der säkulären schwachen Erdbewe- 
gungen, die unter den Begriff der Epirogenese fallen. Damit unterliegen sie auch nicht dem 
orogenetischen Zeitgesetze, wie sie auch ferner nicht dem noch zu besprechenden orogene- 
tischen Hochbewegungsgesetze zu folgen brauchen. 

Zum orogenetischen Zeitgesetze sind wir dadurch gekommen, dass wir diejenigen Er- 
scheinungen, die unter den Begriff der Orogenese fallen, als auf ganz bestimmte Zeiten be- 
schränkt und als in den Zwischenzeiten fehlend erkannten. Nun sehen wir, dass eine äußerst 
schwache, sich in der anorogenetischen Jetztzeit einstellen kann. 



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Und wie es heute Erdbeben gibt, die zu Dislokationen führen, so wird es an solchen auch in 
den anorogenetischen Zeiten der älteren Erdgeschichte nicht gefehlt haben. Das einzige 
Kriterium zur Unterscheidung derartiger „Erdbebenspalten" der Vorzeit von den echten oro- 
genetischen Dislokationen ist die Entstehungszeit. Die Feststellung solcher fossiler Erdbe- 
benspalten wird sicher zunächst erschwert durch die sehr geringen Sprunghöhen, dann aber 
auch dadurch, dass die zur Ermöglichung der genaueren Zeitbestimmung gerade bei derar- 
tig unbedeutenden Verschiebungen erforderlichen günstigen Umstände nur recht selten Zu- 
sammenkommen mögen. Es genügt an sich nicht, dass in einem günstigen Aufschlüsse die 
Verwerfung selbst erkennbar ist, denn dann ist ja keinerlei Beweis gegen ihre Zugehörigkeit 
zu einer orogenetischen Phase vorhanden; sondern der gleiche Aufschluss müsste auch 
noch die überdeckende und nicht mehr verworfene Schicht, die nach der Entstehung der 
Verwerfung abgelagert wurde, zeigen. Jedenfalls muss aber schon die Möglichkeit oder, 
richtiger gesagt, Wahrscheinlichkeit des Vorhandenseins solcher fossiler Erdbebenspalten 
davor warnen, auf eine einzelne kleine Verwerfung, die einmal ganz außerhalb des Rah- 
mens aller sonstigen Erfahrungen über die Zeitlichkeit orogenetischer Vorgänge nach- ge- 
wiesen wird, eine orogenetische Phase begründen zu wollen, wie auch die rezenten Erdbe- 
benspalten die Jetztzeit nicht als orogenetisch kennzeichnen können, sondern sich durchaus 
im Rahmen unserer Vorstellungen über epirogenetische Vorgänge erklären lassen. Es 
kommt hinzu, dass eine solche fossile Erdbebenspalte vielleicht gar auf ein atektonisches 
Beben zurückgehen könnte und dann nicht nur anorogenetisch, sondern sogar atektonisch 
wäre. 

Es gibt also, das wollen wir zum Schluss wiederholen, Verwerfungen, wenn auch ganz 
unbedeutende, die tektonischen Ursprungs sind und trotzdem nicht unter das orogenetische 
Zeitgesetz fallen, - die allerdings auch gegen die allgemeine Gültigkeit des orogenetischen 
Zeitgesetzes nichts beweisen, da sie ja epiro-genetischer Entstehung sind. Sie bilden aber 
eine Einschränkung der Auffassung von der Bruchlosigkeit der Epirogenese, allerdings eine 
solche, die ans dem ganzen Vorgänge einer unter besonderen Verhältnissen sich vollzie- 
henden Epirogenese ohne weiteres verständlich ist. 



1) Eine jede Orogenese ist selbstverständlich mit Erdbeben und zwar mit solchen von großer Intensität verknüpft, und eine jede 
Verwerfung ist in diesem Sinne eine Erdbebenspalte. Wenn ich aber hier von „Erdbebenspalten" spreche, so meine ich natür- 
lich nur die den Spalten unserer heutigen, d. h. anorogenetischen Erdbeben vergleichbaren Risse. 



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c. Atektonische Dislokationen („Pseudodislokationen"). 

Dem orogenetischen Zeitgesetze unterliegen ferner nicht, wie ganz selbstverständlich ist, die 
„unechten" Dislokationen („Pseudodislokationen"), d. h. diejenigen Verschiebungen in der 
Erdkruste, - und zwar im allgemeinen in deren alleräußerster Zone -, die zwar äußerlich den 
„echten" Dislokationen gleichen können, jedoch nicht durch die tektonischen Kräfte der Erd- 
rinde hervorgerufen worden sind, sondern durch exogene Kräfte oder den Vulkanismus. 

Folgende Beispiele solcher Dislokationserscheinungen, „die nicht mit den Wirkungen 
der orogenetischen Kräfte verwechselt werden dürfen", nennt J. Cornet im 2. Bande seiner 
„Geologie" (Mons 1910), S. 69-71: 

1) Schollenabsetzungen an Talhängen. 

2) Flakenbildungen an Talhängen. 

3) Faltungen plastischerer Gesteinsmassen an Talhängen infolge Gehängegleitung, 
besonders bei Gleitung schwerer Gesteinsmassen. 

4) Subaquatische Rutschungen. 

5) Gletscherwirkungen auf den Untergrund. 

6) Einbrüche über Auslaugungsräumen. 

7) Auftreibungen infolge der Volumenzunahme von Gesteinsmassen bei chemischer 
Veränderung. 

8) Wirkungen lakkolithischer Intrusionen. 

Für Fall 6 finden sich wohl nirgendwo derartig schöne Beispiele, wie in Mittel- und Nord- 
deutschland in den oft viele Kilometer, - ja meilenweit sich erstreckenden 
„Auslaugungsgräben" über den subterranen Rücken von Zechsteinsalz, die auch nicht, wie 
sonst im allgemeinen die saxonischen Gräben, an die Senkungszonen des Bodens, sondern 
umgekehrt an die Flebungsachsen gebunden zu sein pflegen. 

Atektonisch sind ferner die in Begleitung vulkanischer Eruption eintretenden Dislokati- 
onserscheinungen und endlich diejenigen Erdbebenspalten, die mit atektonischen Beben (s. 
oben) zusammen- hängen, wie auch solche durch tektonische Beben ausgelösten indirekten 
Dislokationswirkungen, die unter die obigen Kategorien 1-4 fallen. 



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d. Die vergleichende Methode der Altersbestimmung gebirgsbildender Vorgänge. 

Es lassen sich nur in verhältnismäßig wenigen Fällen die orogenetischen Vorgänge im Ein- 
zelaufschlusse oder im Einzelgebiete zeitgenau oder einigermaßen zeitgenau festlegen. Das 
ist z. B. der Fall, wenn, wie bei der "sudetischen" Faltung Niederschlesiens, in der gefalteten 
Serie noch das obere Unterkarbon steckt, während die überdeckende ungefaltete Serie mit 
dem unteren Oberkarbon (Waldenburger- Stufe) einsetzt; oder wenn die 1 . und 2. Mediter- 
ran-Stufe noch mitgefaltet sind, während die Pontische Stufe keinen Anteil mehr an der Fal- 
tung hat (z.B. Rhonebecken, Drau Save-Gebiet). Solche Möglichkeiten der „unmittelbaren" 
Zeitfestlegung einer Orogenese nach den Verhältnissen im untersuchten Erdschnitte sind im 
Allgemeinen nur dann vorhanden, wenn recht bald nach der Orogenese die Sedimentation 
wieder eingesetzt hatte. Aber zwischen Orogenese und wiederbeginnender Sedimentation 
liegt zumeist eine lange Periode der Denudation, in der auch die vor der Orogenese entstan- 
denen Sedimente zum Teil wieder beseitigt werden, und so ergeben sich längere oder kürze- 
re überlieferungslose Zeitintervalle, innerhalb deren die Gebirgsbildung zu irgendeinem, aber 
unmittelbar nicht näher anzugebenden Zeitpunkte eingetreten ist. 

In solchen Fällen beschreiten wir den Weg der "mittelbaren" Zeitfestlegung durch Ver- 
gleich mit den Verhältnissen in anderen Erdschnitten. Wir ermitteln, welche zeitgenaue Ge- 
birgsbildung innerhalb des in Frage kommenden Zeitintervalls in Nachbargebieten oder, - 
falls auch hierkeine vergleichbaren „unmittelbaren" Ergebnisse zu erhalten sind - , überhaupt 
in der Erdkruste erkennbar ist, und teilen dieser tektonischen Phase, fußend auf dem oroge- 
netischen Zeitgesetze, den zunächst nur intervallmäßig festgelegten Vorgang zu. Das ist ein 
Weg, der in Einzelfällen oft genug beschritten worden ist; mir kommt es aber hier darauf an, 
die Notwendigkeit seiner konsequenten Begehung zur Vermeidung des Verlegens von tekto- 
nischen Ereignissen in Zeitpunkte oder Zeitspannen, die sich überall als an- orogenetisch 
erwiesen haben, hervorzuheben und an Einzelbeispielen zu erläutern. 

In weiten Teilen des Tian-schan 1 * transgrediert über einem gefalteten Grundgebirge, 



1) Vgl. u. a. K. Leuchs, Zentralasien, Hdb. d. region. Geol. Bd. V, Abtlg. 7, Heidelberg 1916. Nach den Forschungen F. Machat- 
scheck's (Ergebnisse einer Studienreise in den westlichsten Tian-schan Oberdevon und Unterkarbon lückenlos und konkordant 
miteinander verbunden. Aber das beweist natürlich nichts gegen die vorkarbone Faltung im zentralen Tian-schan, sondern 
beweist nur, dass diese Faltung das heutige Gebiet des westlichen Tian-schan nicht ergriffen bat. 



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Das devonische Schichten einschließlich Oberdevon enthält, das obere Unterkarbon mit 
Productus giganteus Mart. (Vise-Stufe), während das untere Unterkarbon gänzlich zu fehlen 
scheint. 

Die Faltung ist hier also in dem Intervalle zwischen Oberdevon und Vise-Stufe eingetreten. In 
dieses Intervall fällt die in vielen Gebieten der Erde, in Europa z. B. in den Sudeten, der Bre- 
tagne und dem Gebiete des schottischen Grabens, nach- weisba.re vor-karbone Gebirgsbil- 
dung, und dieser und nicht etwa einer „intra-unterkarbonen" Phase der variscischen Faltung, 
die ein gänzliches Novum in der geologischen Wissenschaft bedeuten würde, schon mit der 
Konkordanz von unterem und oberem Unterkarbon, wo immer sie zusammen auftreten, nicht 
vereinbar wäre, ist auch die zunächst nur als älter als oberes Unterkarbon zu bestimmende 
Phase der Faltung des Tian-schan zuzuteilen. Die auf die Untereuchl 1 Dgen im Tian-schan 
begründete Auffassung von K. Leuchs, des die Faltung spätdevonisch-unterkarbonisch sei, 
ist zwar durchaus zutreffend, nur lässt sich m. E. auf vergleichender Basis der Zeitpunkt 
noch etwas genauer dahin präzisieren, dass er schon vor dem Unterkarbon liegt. 

In vielen Gebieten Europas lassen sich z. T. nur schwache, z. T. auch recht beträchtli- 
che orogenetische Vorgänge zwischen Unterem und Oberem Rotliegenden nachweisen. Das 
ist z. B. in der Gegend von Halle, im Erzgebirgischen Becken, im Saargebiete, im Schwarz- 
walde, in den Karnischen Alpen und in den Pyrenäen Fall. Soweit in diesen Gebieten Oberes 
Oberkarbon {Ottweiler Stufe, Stephänien) noch vorhanden ist, findet es sich in völliger Kon- 
kordanz mit dem Unterrotliegenden. Wenn wir nun das Oberrotliegende unter Ausfall von 
Unterrotliegendem diskordant über Ottweiler Schichten, - wie an vielen Stellen der Mansfel- 
der Mulde - , antreffen, so ist zwar in diesen besonderen Fällen die „unmittelbare" Zeitfixie- 
rung des tektonischen Ereignisses innerhalb des Intervalls vom Oberen Oberkarbon bis zum 
Oberrotliegenden nicht möglich; aber auf dem „mittelbaren" (vergleichenden) Wege kommen 
wir selbstverständlich dazu, auch hier die Gebirgsbildung der allgemeiner erkannten Vor- 
oberrot- liegend-Phase zuzuteilen und sie nicht etwa, da „zwischen Oberkarbon und Ober- 
rotliegend" eingetreten, kurzhin in das „Unterrotliegende" zu verlegen und womöglich hier 
einen neuen Plinweis auf die oft behauptete, aber mit der immer wieder zu beobachtenden 
Konkordanz vom Oberen Oberkarbon bis zum Ende des Unterrotliegenden unvereinbare 
"postkarbonische" oder „frühdyadische" Faltung zu erblicken. 



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Im westlichen und nördlichen Randgebiete der Alpen können wir feststellen, dass eine 
bedeutsame Faltung nach der Maastrichter Stufe des Obersenons und vor dem Mitteleozän 
(Lutetien) eingetreten ist; die genauere Zeitbestimmung ist zwar hier wegen der Lückenhaf- 
tigkeit der Profile (Fehlen des Daniens, Paleozäns und Untereozäns) auf unmittelbarem We- 
ge nicht möglich, wohl aber bringt uns die mittelbare (vergleichende) Methode dem Ziele 
näher. Eine jüngst kretazisch-alttertiäre Gebirgsbildung ist nämlich auf der Erde weithin ein- 
getreten, und zwar, soweit überhaupt eine genauere Zeitbestimmung möglich ist, bereits vor 
Ablagerung des jüngsten Gliedes der Kreide, des Daniens, - wenn vielleicht auch mit einer 
unbedeutenden Nachphase im frühen Paleozän (vor der Landener Stufe) zu rechnen ist und 
wenn auch in einem Einzelfalle, der wohl noch der Nachprüfung bedarf (Pays de Bray im 
Pariser Becken nach Munier-Chalmas eine ganz unbedeutende winklige Diskordanz zwi- 
schen Untereozän (Cuisien) und Mitteleozän (Lutetien) angegeben wird. Aber die anderseits 
immer wieder beobachtete Konkordanz innerhalb des älteren Tertiärs einschließlich der lute- 
tischen Stufe führt im Zusammenhänge mit der Erkennung. Einer bedeutsamen Dislokati- 
onsphase in der allerjüngsten Kreide dazu, auch die „vorlutetische" Faltung im westlichen 
und nördlichen. Randgebiete der Alpen schon in die allerjüngste Kreide zu verlegen, - wie 
auch die sonstigen „vorlutetischen" Gebirgsbewegungen, die wir z. B. noch in Istrien, in den 
Karpaten, im Apennin, in Südspanien, im Atlas oder in den pazifischen Randgebieten Nord- 
amerikas kennen. In diese Zeit glaube ich nach der vergleichenden Methode nunmehr auch 
die ,,vor-tertiäre" oder „alttertiäre" Phase der saxonischen Faltung Deutschlands stellen zu 
müssen. 

Die „jungmiozäne" Gebirgsbildung erweist sich in vielen -Gebieten, - so im Rhonebe- 
cken, in der Drau-Save-Zone, in Nordwestafrika, im Kaukasusgebiete, als zwischen der 
2. Mediterranstufe und der pontischen Zeit erfolgt („vor-pontische" Gebirgsbildung); an ein- 
zelnen Stellen ist sogar noch eine genauere Altersfeststellung dahin möglich, dass sie zwi- 
schen der sarmatischen oder wenigstens der altsarmatischen und der pontischen Zeit ein- 
trat. 



1) Vgl. Ha.ug, Traite de Geologie, Fig. 407, S. 1426. 



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Nun liegt zwar in anderen Gebieten, - wie in den subbetischen Gebieten Südspaniens, in 
Portugal, am Südrande der Alpen oder wie außerhalb Europas in Britisch Birma und im ma- 
laysischen Archipel, - über den dislokierten Mediterranschichten nicht die pontische Stufe, 
sondern post-pontisches Pliozän (Piacenza Stufe oder noch jüngeres), aber trotz des Feh- 
lens der pontischen Stufe wird man auch in diesen Fällen, da die pontische Stufe und die 
nächst jüngeren postpontischen Schichten, wenn zusammen auftretend, in sich stets kon- 
kordant liegen, die Dislokationsvorgänge nach dem vergleichenden Verfahren in die vorpon- 
tische Phase zu verlegen haben. 

Selbstverständlich führt auch die eben an Beispielen erläuterte mittelbare Methode der 
Altersfestlegung tektonischer Vorgänge durch Vergleich mit den Verhältnissen in anderen 
Gebieten keineswegs immer zu eindeutigen Resultaten, vielmehr ergeben sich solche nur 
dann, wenn innerhalb der in Frage kommenden Zeitspanne nur ein einziger notorischer Dis- 
lokationstermin vorhanden ist. Und auch dann hat das Wort "eindeutig" oft nur einen vorläufi- 
gen Wert, denn neue Forschungen können immerhin auch in solchen Zeiträumen, die wir 
bisher "als anorogenetisch glauben betrachten zu müssen, neue orogenetische Phasen ent- 
hüllen; dessen wollen wir ans bewußt bleiben, wenn von „eindeutiger" Zeitbestimmung auf 
vergleichendem Wege die Rede ist. 

Plaben wir dagegen zwei notorische Dislokationsphasen innerhalb des in Frage kom- 
menden Intervalls, so ist natürlich das mittelbar festzustellende Ergebnis zweideutig, haben 
wir deren drei, so ist es dreideutig usw. Ziehen wir z. B. in Deutschland in der Zeit vom Jura 
bis zum Alttertiär nur die drei Hauptphasen der saxonischen Faltung, nämlich die vorkretazi- 
sche (kimmerische), die vorsenone (vor Oberemscher) und die jüngst-kretazische vortertiä- 
re", s. o.) in Betracht und vernachlässigen wir die Unterphasen, die z. B. bei der kimmeri- 
schen Faltung auftreten, so haben wir in dem Falle der Überlagerung von dislokierten Lias 
durch Untere Kreide ein eindeutiges Resultat, da hier nur die kimmerische Dislokationsphase 
in Betracht kommt, im Falle der Überlagerung durch Senon aber ein zweideutiges (kimmeri- 
sche oder vorsenone Phase) und endlich im Falle der Überlagerung durch die subherzyni- 
sche Braunkohlenformation ein dreideutiges (kimmerische oder vorsenone oder jüngst- 
kretazische Phase). 



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[19. Seite von 32 Seiten] 



Alles in allem müssen wir also hinsichtlich der anzuerkennenden uns auf die wenigen 
bereits erkannten und sich immer wieder bestätigenden Termine beschränken, bis die völlige 
Unmöglichkeit der Einreihung eines orogenetischen Ergebnisses in irgend einen derselben 
erwiesen und damit der unzweideutige Beweis für eine neue Dislokationszeit erbracht ist. 
Und ist er erbracht, so ist an der ganzen Auffassung des Beschränkt seins der orogeneti- 
schen Vorgänge auf relativ wenige und kurze Phasen nichts geändert, sondern die so kleine 
Zahl der notorischen Phasen ist eben nur um eine neue vermehrt worden. Aber dass zu den 
bis heute festgestellten Faltungsphasen nicht allzu viele neue mehr hinzukommen werden, 
das sagen uns schon jetzt die in allen Weltteilen wiederkehrenden Konkordanzen innerhalb 
der gleichen mächtigen Schichtfolgen. 

Wie die Stratigraphie die Basis zur Festlegung der Zeitlichkeit orogenetischer Erschei- 
nungen bietet, so können - umgekehrt die orogenetischen Vorgänge, nachdem ihr Be- 
schränkt sein auf ganz bestimmte Zeitlichkeiten als allgemeines Gesetz erkannt worden sind 
wichtige Anhaltspunkte für die Klärung stratigraphischer Fragen, namentlich beim Fehlen 
sonstiger Anhaltspunkte, bieten. Wenn z. B. in Gebieten variscischen Faltung eine Schicht- 
folge von Rotliegend Typus konkordant dem Oberkarbon folgt und in sich konkordant ist, so 
wird man diese Schichtfolge mit erheblicher Wahrscheinlichkeit in ihrer Gesamtheit für älter 
als Oberrotliegend halten dürfen; eine zwischen ihr und dem Oberkarbon vorhandene Dis- 
kordanz würde dagegen auf die Zugehörigkeit zum Oberrotliegend schließen lassen. Und tritt 
innerhalb dieser Schichtfolge eine Winkeldiskordanz auf, so wird man mit dieser die Grenze 
zwischen Unter- und Oberrotliegend zu ziehen haben. 

Ein anderes Beispiel. Die kohleführenden Schichten von Plainichen und Borna bei 
Chemnitz werden bald als Kulm bald als unterstes Oberkarbon (Waldenburger Stufe) aufge- 
faßt, ohne dass die begleitenden Pflanzenreste eine sichere Entscheidung zulassen. Nun 
haben diese Schichten eine ziemlich bedeutende Aufrichtung erfahren, und zwar vor Ablage- 
rung der Saarbrücker Stufe von Zwickau und Lugau-Ölsnitz 1 ’; und da wir aus anderen Gebie- 
ten, in denen außer der Saarbrücker auch noch die Waldenburger Stufe vorhanden ist, wis- 
sen, dass der nach-kulmische Faltungsakt schon vor der Waldenburger Stufe eingetreten ist, 
und da anderseits Waldenburger und Saarbrücker Stufe, wo auch immer sie zusammen auf- 
treten, in sich konkordant liegen, so muss man m. E. auch die Faltung der Schichten von 
Plainichen und Borna in die Zeit vor der Waldenburger Stufe verlegen und diese Schichten 
deshalb dem Kulm, und nicht dem tiefsten Oberkarbon, zuteilen. 



1) F. Kossmat, Übersicht über die Geologie yon Sachsen, S. 56. 



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[20. Seite von 32 Seiten] 



e. Die Gleichzeitigkeit der Entstehung der verschiedenen Strukturtypen. 

Darf nun als Erfahrungssatz gelten, dass die orogenetischen Vorgänge nur an ganz be- 
stimmte Termine in der Erdgeschichte geknüpft sind, so steht weiter fest, dass nicht etwa in 
der einen Zeit die Faltungen, in der anderen die verwerfungsartigen Phänomene eintraten, 
sondern dass gleichzeitig die verschiedensten Gebirgstypen geschaffen wurden, - hier z. B. 
ein Faltengebirge, .dort ein Blockgebirge. 

Bedeutsame orogenetische Vorgänge fallen in den circum-mediterranen Faltengebir- 
gen, Alpen, in die Wende von Kreide- und Tertiärzeit. Es ist dieselbe Faltung, die, wie oben 
schon gesagt wurde, als „vor-lutetisch" in solchen Gebieten bezeichnet wird, die erst im Lu- 
tetien (Mitteleozän) erneut überflutet worden sind. In die gleiche Zeit fällt auch eine der 
Hauptdislokationsperioden im außeralpinen Europa, z. B. im Pariser Becken, wo nun zwar 
nicht ein typisches Faltengebirge entsteht, sondern wo ein flachwelliges Bruchfaltengebirge 
älterer Anlage sich fortbildet. In diesem Sinne sei auf die erneute Bruchfaltung entlang der 
Axe des Artois verwiesen. Bei uns in Deutschland wird diese Phase als „alttertiär" oder „vor- 
oligozän" bezeichnet, - als „vor oligozän" dort, wo das Fehlen älteren Tertiärs ihre genaue 
Zeitbestimmung unmöglich macht, - während sie nach den Verhältnissen im nördlichsten 
Deutschland älter als die dortige paleozäne Transgression ist, die wir wohl mit der Trans- 
gression der Landener Stufe in Belgien und Nordfrankreich und der Transgression der Tha- 
netstufe im Londoner Becken zu identifizieren haben. Wir finden also, soweit wir den Ver- 
hältnissen überhaupt nachgehen können, die Gleichzeitigkeit der tektonischen Vorgänge in 
den Alpen und nördlich der Alpen; aber in den Alpen entsteht die Form des echten Falten- 
oder gar des Deckengebirges, in den außeralpinen Becken die Form des Bruchfaltengebir- 
ges, stellenweise auch des Blockgebirges. 



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[21 . Seite 32 Seiten] 



Ein anderes Beispiel. 

Eine bedeutsame Phase der Gebirgsbildung, zum Teil zerfallend in 2-3 Unterphasen, liegt für 
viele Erdgebiete in der Wende von Jura- und Kreidezeit. In ihr ereignet sich die mit starken 
Intrusionen magmatischer Massen verknüpfte Hauptfaltung der pazifischen Ketten Nordame- 
rikas von Alaska bis Mexiko ist diese "Pacific revolution" bekannt, im Gebiete der Vereinigten 
Staaten besonders in der Sierra Nevada und den Coast Ranges, und überall hat sie hier den 
Typus des Faltengebirges geschaffen. Auch aus der westlichen Umrandung des Pazifiks, 
aus Japan und Neu-Seeland, wird diese Faltung angegeben. Gleichzeitig entstehen ganz 
andersartige Gebirgstypen in anderen Teilen der Erde, so in den atlantischen Gebieten 
Nordamerikas Schollenverschiebungen von Blockgebirgsart, an denen die Newark Formati- 
on noch beteiligt ist, - mag zwar hier auch das Fehlen des Juras nur die „vergleichende" 
Methode der Altersbestimmung ermöglichen. Weitverbreitet ist die spät-jurassische (vor- 
kretazische) Gebirgsbildung in Europa; und fehlen ihre Spuren hier auch nicht in den jungen 
Faltengebirgen, so ist sie doch vor allen Dingen für die außeralpinen Gebiete Mittel- und 
Westeuropas bedeutungsvoll und hat dort zu den Erscheinungen des Bruchfalten- oder auch 
des Blockgebirges geführt. 

Nehmen wir endlich noch ein Beispiel aus der Zeit der variscischen Gebirgsbildung. 
Sie ist eine typische Faltung in den weitesten Teilen Mitteleuropas, so auch noch in Südeng- 
land. Aber in Nordengland und Schottland, in den Gebieten der vorangegangenen kanoni- 
schen Erdbewegungen, tritt zu den Zeiten, in denen in Mitteleuropa der tektonische Typus 
des Faltengebirges entsteht, nämlich einerseits zwischen Old Red und Unterkarbon und an- 
dererseits zwischen Unterkarbon und Oberkarbon, Verschiebung langanhaltenden Brüchen 
ein. Auch schon zwischen dem unteren und -oberen Old Red sind hier Schollenverschiebun- 
gen erfolgt, und diese mögen ihr zeitliche Äquivalent in gewissen Faltungserscheinungen 
des deutschen variscischen Gebirges haben, über die in Bezug auf das Lahngebiet Veröf- 
fentlichungen von J. Ahlburg bevorstehen. 

Eine grundsätzliche Unterscheidung von Zeiten der Faltungserscheinungen und Zeiten 
der Verwerfungserscheinungen ist also, wie ich wiederhole, nicht angängig, vielmehr sind es 
die gleichen Perioden; in denen sowohl Falten wie auch Verwerfungen entstehen. Das sehen 
wir dort wo im Bruchfaltengebirge Falten und Verwerfungen zusammen den tektonischen 
Bau des Untergrundes schaffen, - in dieser Hinsicht verweise ich auf meine älteren Arbeiten ; 
das sehen wir auch dann, wenn jede der beiden Dislokationsarten ihre besonderen Räume 
bevorzugt. 



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3) Entstehungsartliche Übereinstimmungen 

a. Das orogenetische Hochbewegungsgesetz. 

Nicht nur strukturell durch Übergänge und nicht nur entstehungszeitlich sind die verschiede- 
nen Formen der Gebirgsbildung miteinander verknüpft, sondern auch durch etwas drittes, 
nämlich durch die Gleichartigkeit des Bewegungssinnes beim Entstehungsvorgange, der bei 
allen der aufwärtige ist. 

Wenn man von „aufwärts" und „abwärts", von "gehoben" und „gesunken" spricht, so 
vergleicht man damit zunächst nur das Verhalten zur Nachbarschaft. In diesem Sinne defi- 
niert man den Horst als einen an Verwerfungen „gehobenen", den Graben als einen an Ver- 
werfungen „gesunkenen" Teil der Erdkruste. Zu absoluteren Vorstellungen kann man da- 
durch kommen, daß man die Bewegungen auf den einzigen uns verfügbaren Pegel, nämlich 
die Oberfläche der Hydrosphäre, bezieht. Allerdings ist der Meeresspiegel der Vorzeit wohl 
kaum ein stabiles Vergleichsniveau und ganz besonders kann er nicht als stabil gelten, wenn 
man sich auf den Boden der Kontraktionstheorie stellt, - aber wir haben kein anderes ver- 
wertbares Fundament für unsere tektonischen Überlegungen. Und tatsächlich wird von ihm 
auch ziemlich allgemein - bewusst oder unbewusst - ausgegangen, wenn man Hebungs- und 
Senkungsvorgänge der Vorzeit betrachtet. 

Faltung bringt Heraushebung die durch die Faltung auf geringeren Breitenraum ge- 
brachten Gesteinsmassen weichen in den Höhenraum aus. Der Beweis für die Heraushe- 
bung liegt in der nach der Faltung einsetzenden Denudation solcher Gesteinsmassen, die 
sich vor der Faltung unter dem Denudationsbereiche, oft sehr tief unter ihm, befunden ha- 
ben. Auch die Deckenfaltung ist mit Heraushebung der betroffenen Gesteinsmassen ver- 
knüpft, wenn hier auch eine besonders starke. Seitenbewegung hinzukommt. 

Was für die Biegefaltung hinsichtlich der Heraushebung der Gesteinsmassen ohne 
weiteres zutrifft, gilt gleichfalls für die Bruchfaltung. Das habe ich ganz besonders gegenüber 
der Senkungstheorie, wie E. Sueß sie in Bezug auf die mitteldeutsche Gebirgsbildung noch 
im letzten Bande des „Antlitzes der Erde" nachdrücklich vertreten hatte und wie sie sich 
auch sonst unter den deutschen Geologen wenigstens bis vor kurzem noch der allgemeins- 
ten Anerkennung erfreute, geltend gemacht. Ich habe gezeigt, daß gerade in den orogeneti- 
schen Phasen, in denen die „Senkung" eingetreten sein soll, die vorher tief versenkten Ge- 
steinsmassen, z. B. in der Randzone des niederdeutschen Beckens (nördliches Harzvorland, 
Südhannover, Teutoburger Wald), der Denudation zugeführt, also hochbewegt worden sind 



Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Math.-phys. Klasse. 1918- Heft 3. 



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Die Beweisführung ist dabei einfach und klar. Wir betrachten, um ein Beispiel zu geben, ir- 
gendeine Phase der saxonischen Gebirgsbildung, z. B. die kimmerische (jung-jurassische). 
Wir leiten aus den uns heute zugänglichen Verbandsverhältnissen der Schichten ab, 

1) dass vor dieser Gebirgsbildung die damals noch ungestörten Schichtmassen tief un- 
ter dem Meeresspiegel lagen, 

2) dass nach der Gebirgsbildung die nunmehr gestörten (und gefalteten) Gesteinsmas- 
sen einer ausgedehnten und tief eingreifenden Denudation unterliegen, also über Mee- 
resniveau gehoben worden sind. 

Und daraus ergibt sich eben, daß mit der Gebirgsbildung eine Aufwärtsbewegung der Ge- 
steinsmassen zeitlich zusammenfällt. 

Genau so ist die Sachlage in den Gebieten der Bruchfaltung Nordfrankreichs oder 
Südenglands, z. B. entlang der Achse des Artois. Die Denudationen, die im Gebiete dieser 
Achse-zwischen dem Jura und der Unterkreide im Gefolge der vor-kretazischen Gebirgsbil- 
dung (so im Boulonnais) oder weithin nach der Oberkreide und vor dem Landenien im Gefol- 
ge der vor-tertiären Gebirgsbildung eingetreten sind, beweisen die mit den Dislokationsvor- 
gängen erfolgte Hebung, die auch die „gesunkenen" Zonen betroffen hat. 

Mag also nunmehr der Zusammenhang zwischen Gebirgsbildung und Aufwärtsbewe- 
gung für die Decken- und echten Faltengebirge, wie auch für die Bruchfaltengebirge, die als 
bei der Faltung zerreißende Massen aufwärts bewegt werden, erwiesen sein, so ist die. 
Sachlage nicht anders hinsichtlich der dislozierten Gebiete von Blockgebirgstypus. 

Zwischen den von Hunderten von Verwerfungen durchsetzten Falten des Erzgebirges 
und der paläozoischen Rheinischen Masse liegt das Gebiet der „Randstaffeln" der Rheini- 
schen Masse. Sie sind in sich kaum noch gefaltet und geben geradezu schulbeispielmäßig 
das Bild des stufenförmigen „Abbruches" einer älteren Masse .zu einem Senkungsfelde. 
Entlang der Diemel von Marsberg abwärts befinden wir uns zunächst im paläozoischen 
Grundgebirge. Es folgt die erste Abbruchstaffel, die hier Zechstein und Unteren Buntsand- 
stein enthält; es folgt die zweite, zusammengesetzt aus Mittlerem Buntsandstein; es folgt die 
dritte bestehend aus Röt und Muschelkalk, - und so kommen wir allmählich in das 
„Senkungsgebiet“ mit den Eggefalten. 



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Diese Abbruchstaffeln sind gleich den Eggefalten vor-kretazisch. Das beweist nördlich der 
Diemel die diskordante Überdeckung durch die Kreide, und der Vorgang ist auch hier ohne 
weiteres klar. Ehe die Verwerfungen entstanden und die Erscheinung des Blockgebirges 
hervorriefen, lagen die heute von der Kreide transgredierend überdeckten Schichten in der 
Tiefe und über sie war noch das Jurameer oder wenigstens noch das Liasmeer, - jüngerer 
Jura ist am südlichen Eggegebirge nicht mehr bekannt -, hinweg geflutet. Die flache Überde- 
ckung der eingeebneten Randstaffeln durch die Kreide beweist aber, daß der Gebirgsbildung 
eine tief eingreifende Denudation gefolgt ist und der bei der Gebirgsbildung entstandene 
Niveauunterschied beseitigt hat. Diese Denudation setzt natürlich die entsprechende 
Heraushebung des ganzen Staffelgebietes voraus. Also auch hier ist die Wirkung des oroge- 
netischen Vorganges keine absenkende, sondern eine heraushebende. Und in welche ande- 
ren Gebiete vom Blockgebirgstypus wir nun auch gehen mögen, nirgends ist ein Beweis da- 
für gegeben, dass den Blockverschiebungen eine Sedimentation verstärkten Maßstabes als 
Hinweis auf eingetretene Versenkungen unmittelbar gefolgt ist, vielmehr finden wir so oft, 
dass an den dislozierten Erdstreifen die Denudation anhebt, d. h. dass Gesteine, die vorher 
wegen ihrer Tiefenlage für die Denudation nicht erreichbar waren, durch Hebung in die 
Sphären der Denudation gelangt sind. 

Die eben erläuterten Verhältnisse fasse ich zusammen zum .orogenetischen Hochbewe- 
gungsgesetze: 

Alle Gebirgsbildung, auch des Bruchfalten- und Blockgebirges, 
erfolgt unter Aufwärtsbewegung gegenüber dem ozeanischen 
Spiegel . 

b. Das orogenetische Hochbewegungsgesetz in seiner Sonderbedeutung für die. Ver- 
werfungsvorgänge. 

Die Verwerfungen sind ja, wenn wir (s. oben) von den seltenen Ausnahmefällen anorogene- 
tischer (seismischer) Dislokationen und .selbstverständlich auch von den atektonischen Vor- 
gängen absehen, nur eine Art der Orogenese, und es ist damit nur die Formulierung des 
orogenetischen Hochbewegungsgesetzes für diese besondere Art orogenetischer Erschei- 
nungen, wenn ich sage: 

Die Verwerfungen sind Begleiterscheinungen einer Aufwärtsbe- 
wegung gegen über dem ozeanischen Spiegel. 



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Dieser Satz enthält allerdings einen scharfen Widerspruch gegenüber jener auch heute noch 
recht allgemein verbreiteten Auffassung, die in radialer Senkung das Wesen des Verwer- 
fungsvorganges erblickt. Er stellt örtliche Einsenkungen oder Einbrüche in Spalten an sich 
nicht in Abrede, nur sagt er aus, daß sie in aufsteigenden Zonen erfolgt sind. Betrachten wir 
derartige Fälle. 

Um zunächst bei den Verhältnissen Mitteldeutschlands zu bleiben, so knüpfe ich daran 
an, daß ich im Jahre 1908 in den Erläuterungen zu den geologischen Blättern des südlichen 
Eggegebirges 1 * den „Muldengräben", d. h. den durch den Hinzutritt von Verwerfungen zu 
„Gräben" gewordenen Muldenkernen, solche Versenkungen gegenübergestellt habe, die 
nach der ganzen Art ihres Auftretens als verworfene Mulden nicht recht erklärbar, vielmehr 
auf Einstürze in klaffende Spalten oder auf sonstige des Untergrundes rückführbar sind. Be- 
sonders handelte es sich um Einbrüche in Sattelspalten. Spätere Untersuchungen am nördli- 
chen Teutoburger Walde, dem Osning 2 * zeigten in der „Haßbergversenkung" einen beson- 
ders typischen Fall solcher Zerrungsgräben. Der Osning ist ein Sattel, dessen Südwestflügel 
auf der weiten Erstreckung von Detmold bis Borgholzhausen tief versenkt und durch den 
Nordostfügel überschoben ist. Auf diese Erstreckung finden sich in den Muschelkalkschich- 
ten des Nordostflügels, - und zwar in durchschnittlich 500 m Abstand von der Sattelspalte 
(Sattelüberschiebung), vielfach schmale streichende Versenkungen von Keuper und Jura, 
die ich zu der Haßbergzone zusammengefasst habe. Dass sich diese Haßbergzone, die den 
Gesamtbau des Osningsattels wenig stört, gerade auf derjenigen Erstreckung des Gebirges 
zeigt, in welcher der Südwestflügel überschoben und überkippt ist, lässt von vornherein den 
Zusammenhang zwischen ihr und, der Versenkung und Überschiebung des Südwestflügels 
vermuten, und legt ihre Deutung als typischer „Zerrungsgraben" in dem Sinne nahe, daß 
„bei oder nach der tiefen Absenkung des Südwestflügels der dem Bruchrande zunächstlie- 
gende Teil des Nordostflügels über den weichenden Südwestflügel hinübergeschoben wurde 
und die dadurch verursachte Spannung ihre Auslösung in einem der Abbruchszone paralle- 
len, etwas nördlich von ihr liegenden Risssysteme fand, in das dann von oben her Schollen 
jüngeren Gebirges hineinstürzten". 



1) Vgl. Erl. z. Bl. Peckelsheim, Lief. 147 d. geol. Spezialkarte von Preußen usw., S 68 u. 64. 

2) H. Stille, Der Mechanismus der Osning-Faltung. Jahrb. d. preuß. geol. Landesanst. f. 1910, Bd. XXXI, I. Teil, S. 
857ff. 



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